Es ist eine Geschichte, die sich wohl nicht mal gewiefte Drehbuchschreibende ausdenken würden: Als 14-Jährige überlebt Aurora Mardiganian (1901–1994) nur knapp den Völkermord an den Armeniern, den die Regierenden des Osmanischen Reichs zu verantworten haben. Dabei sterben in den Jahren 1915 und 1916 bis zu 1,5 Millionen Menschen. Auch Aurora Mardiganian verliert ihre Familie. Nachdem ihr die Flucht in die USA gelingt, veröffentlicht sie ihre Erlebnisse in einem Buch, das 1919 in Hollywood als Stummfilm mit dem Titel „Auktion der Seelen“ adaptiert wird – mit ihr in der Hauptrolle. Das dreistündige Werk wird zum Kassenschlager, doch dann verschwinden die Filmrollen auf ungeklärte Weise. Erst kurz nach Mardiganians Tod tauchen Teile davon wieder auf, jedoch mit nur 18 Minuten Filmzeit. Die armenische Regisseurin Inna Sahakyan zeichnet Mardiganians Biografie im Dokumentarfilm „Aurora – Star wider Willen: Die Geschichte einer Flucht aus Armenien“ feinfühlig nach. Aus Los Angeles schaltet sich die Filmemacherin für ein Interview mit dem ARTE Magazin zu.
ARTE Magazin Frau Sahakyan, was hat Sie dazu bewegt, Aurora Mardiganians Lebensgeschichte neu zu erzählen?
Inna Sahakyan Als ich 2014 im Archiv des Zoryan Institute für ein Projekt zum Völkermord an den Armeniern recherchierte, stieß ich auf Auroras Zeugenaussage, die 1984 aufgezeichnet wurde: mehr als fünf Stunden Filmmaterial. Es war schockierend, die Erlebnisse in ihren eigenen Worten zu hören. Das war der Punkt, an dem ich beschloss, ihre Biografie zu verfilmen. Die Entscheidung, die Kunst der Animation zu integrieren, fiel früh, da sie die komplexen Ebenen der Erinnerung emotional wiedergeben kann. Wir Armenier wachsen alle mit Geschichten über den Genozid auf, er ist in unseren Genen verankert. Aber es ist das erste Mal, dass er aus der Sicht einer jungen Frau erzählt wird.
ARTE Magazin Was bewundern Sie an ihr?
Inna Sahakyan Nachdem Aurora den Völkermord überlebt hatte, erklärte sie sich in den USA nicht nur bereit, ihre Erlebnisse zu erzählen, sondern sie spielte auch in einem Blockbuster mit, der auf ihrer Geschichte basiert – und der sie noch einmal mit dieser Hölle konfrontierte. Sie verstand, dass der Film ihrem Land und anderen Waisenkindern helfen würde, und war deshalb stark genug, ihr Trauma zu überwinden – nicht ohne Folgen für sich selbst.
ARTE Magazin Betrachten Sie Mardiganians Leben letztlich als reinen Leidensweg – oder als Geschichte mit Happy End?
Inna Sahakyan Ich würde das nicht trennen. Aus persönlicher Sicht war es Leiden: Es ist unbegreiflich, wie viel Gewalt ein junges Mädchen in den zwei Jahren des Genozids erleben musste. Anschließend wurde sie mit der Gier der US-Filmindustrie konfrontiert und realisierte, dass sie am Ende nur benutzt wurde. Sie war eine einfache Frau, die nach ihrer Hollywood-Erfahrung ein einfaches Leben führte. Sie heiratete und brachte einen Sohn zur Welt. Als sie aus Armenien kam, hatte sie zwei Hauptziele in ihrem Leben: Sie wollte ein Familienmitglied finden, das überlebt hat. Und sie wollte die Gräueltaten bekannt machen, um anderen Waisenkindern zu helfen. Was dank der Filmeinnahmen sehr gut gelang: Viele Waisenhäuser wurden gebaut, viele armenische Kinder gerettet. Sie war erfolgreich mit ihren Missionen. Im Grunde ist es also eine Erfolgsgeschichte durch Leiden.
ARTE Magazin Inwieweit ist das Trauma des Genozids bis heute in der armenischen Gesellschaft spürbar?
Inna Sahakyan Der Schmerz ist nicht geheilt und dauert an. Nur 33 Länder erkennen den Völkermord an den Armeniern bislang an, darunter Deutschland – und wir sind diesen Ländern sehr dankbar. Doch die Türkei hat das historische Ereignis bis heute nicht akzeptiert. Das macht dieses unbewältigte Trauma für uns alle so schwer. Abgesehen davon haben sich die politischen Verhältnisse in unserem Land nicht wirklich geändert: Auch wenn es mehr als 100 Jahre her ist, befinden wir uns noch in einer sehr verletzlichen Lage. Gerade herrscht in Armenien wieder ein kriegsähnlicher Zustand – wegen des Grenzstreits mit Aserbaidschan.
ARTE Magazin Welche Schritte sind Ihrer Meinung nach unverzichtbar, um den Genozid aufarbeiten zu können?
Inna Sahakyan Das Wichtigste für uns ist die Anerkennung des Völkermords durch die Türkei. Wenn es eine aktivere Beteiligung von Ländern gäbe, die ihn anerkennen, könnte es in Zukunft neue Schritte geben. Wir brauchen ein stärkeres internationales Justizsystem, um etwas zu ändern. Mir gefällt, was Aurora sagt: Wir wollen keine Rache, aber dass die Gerechtigkeit wieder spricht.
ARTE Magazin Welche Resonanz hatte Ihr Film in Armenien?
Inna Sahakyan Es war beeindruckend. Die Vorführungen waren sehr emotional; die Zuschauer haben von den Erfahrungen ihrer eigenen Großeltern erzählt. Für mich war aber vor allem relevant, dass dieser Film ein internationales Publikum anspricht, denn die Armenier sind mit den Geschichten des Genozids vertraut – wichtig ist, dass die Welt ihn nicht vergisst.
Zur Person
Inna Sahakyan, Regisseurin
Die Filmemacherin wurde 1977 im armenischen Eriwan geboren und ist dort aufgewachsen. Sie führte u. a. bei dem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „Armeniens letzter Drahtseiltänzer“ (2009) Regie.