Wir stellen heute andere Fragen als früher. Deshalb gibt es auch bei einer Kunstströmung wie dem Surrealismus noch Aufregendes zu entdecken. Das beweist unsere Ausstellung „Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo“, die im Februar in der Schirn Kunsthalle Frankfurt eröffnet und von einer ARTE- Doku begleitet wird. Sie zeigt, dass der Beitrag der Künstlerinnen zum Surrealismus größer war als bislang bekannt. Eine Umkehr der Perspektive – die gut zu den vielseitigen Arbeiten der Surrealistinnen passt.
Was vielen Ausstellungsbesuchern verborgen bleiben dürfte, ist der lange, teils auch steinige Weg, der zwischen der Idee und der finalen Ausstellung liegt. Und wie wichtig es ist, zur richtigen Zeit die richtigen Fragen zu stellen. 2011 zeigten wir in der Schirn etwa bereits die Ausstellung „Surreale Dinge“, die sich mit den Skulpturen des Surrealismus beschäftigte. Schon damals waren zwölf von insgesamt 50 vorgestellten surrealistischen Positionen weiblich. Da war mein Interesse geweckt. Ich recherchierte weiter und stieß auf aufregende Malerinnen wie Leonora Carrington oder Leonor Fini und Fotografinnen wie Claude Cahun oder Lee Miller – manche davon kaum oder nur in Fachkreisen bekannt. Ihre Namen fehlen erstaunlicherweise in Standard-Publikationen und auch in vielen Ausstellungen zum Surrealismus.
Es folgten zahlreiche Reisen auf den Spuren der Surrealistinnen nach Frankreich, Belgien, England, Tschechien, in die Schweiz, die USA und vor allem nach Mexiko, zu Museen und Privatleihgebern. Denn der Surrealismus war eine umfassende Idee, an der von Anfang an viele internationale Künstlerinnen und Künstler beteiligt waren. Sie kamen nach Paris und schlossen sich der hier von André Breton gegründeten Gruppe an – einige davon nur für kurze Zeit. Schon in den 1930er Jahren verbreiteten sich die sehr liberalen Gedanken der Gründungsmitglieder zur Freiheit, zum Traum, zum Unbewussten und zur Politik zudem über Ausstellungen in andere Länder, sogar bis nach Japan.
Es dominieren die Ideen. Einen verbindlichen Stil gibt es nicht
Während des Zweiten Weltkriegs mussten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Europa auswandern und gingen ins Exil in die USA und nach Mexiko, darunter auch viele Surrealisten. Einige kehrten nach 1945 nach Paris zurück, aber viele andere – wie etwa Carrington – entwickelten sich in ihrer neuen Heimat weiter und verarbeiteten die Mythen und Ideen ihrer neuen Umgebung künstlerisch. Die in der Ausstellung und in der ARTE-Dokumentation vorgestellten Künstlerinnen pflegten oft intensive Freundschaften – wie etwa Leonor Fini und Meret Oppenheim – und sie bildeten Netzwerke untereinander, auch wenn ihre Arbeiten höchst unterschiedlich waren. Denn im Surrealismus dominieren eben die Ideen, einen verbindenden Stil gibt es nicht.
Das Ergebnis der Recherchen und des intensiven Austauschs mit internationalen Kolleginnen und Kollegen, die schon lange zum Surrealismus forschen, ist ein einmaliger Überblick: Zu sehen sind 260 Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Filme und Skulpturen von insgesamt 34 Künstlerinnen. Einige davon sind echte Entdeckungen. Andere wurden stellvertretend ausgewählt. Recherchiert und angefragt haben wir mindestens doppelt so viele Werke. Das ist bei einer Ausstellung dieser Größenordnung deswegen notwendig, da manche Werke aus konservatorischen Gründen nicht reisen dürfen, manche sind schon für andere internationale Ausstellungen zugesagt. Da gibt es Phasen, in denen es nur Absagen hagelt. Und dann Wochen voll großer Freude, wenn wieder einmal ein echtes Hauptwerk gewonnen werden konnte.
Je länger wir an dem Projekt arbeiteten, umso deutlicher wurde, wie sehr die „Fantastischen Frauen“ den Zeitgeist treffen. Viele große Museen wie die Tate in London oder das MoMA in New York haben gerade damit begonnen, vermehrt Künstlerinnen des Surrealismus wie Leonora
Carrington oder Meret Oppenheim auszustellen und anzukaufen.