Der indische Traum

Vor 80 Jahren noch Kolonie, sieht sich Indien heute auf dem Sprung zur Supermacht. Das Land wird von allen Seiten umworben. Gut fürs Selbstbewusstsein – und für die Geschäfte.

olzboote auf einem Fluss; im Hintergrund Hochhäuser in dunstigem Himmel
In der Bucht dümpeln alte Holzboote, im ­Hintergrund wachsen neue Bürotürme in den dunstigen Himmel über der Millionenmetropole Mumbai. Foto: Abeer Khan/Bloomberg/Getty Images

Zum Kumbh Mela, dem größten Fest der Welt, pilgerten kürzlich 660 Millionen Hindus in den nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Zur selben Zeit koppelte die Raumfahrtbehörde ISRO (Indian Space Research Organisation) zwei Satelliten im All. Indien ist erst die vierte Nation, der ein solches Andockmanöver gelang. Nachrichten wie diese vermitteln die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in dem südasiatischen Land mit seinen mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern. Religiosität trifft Weltraummission, einer boomenden Wirtschaft hinter Glasfassaden stehen Armut und Analphabetismus der Elendsviertel gegenüber.

Indiens Regierung um den seit 2014 zweimal wiedergewählten Premierminister ­Narendra ­Modi sieht das Land auf dem Sprung zur neuen Supermacht. Umworben wird es bereits wie eine. „Die derzeitige geopolitische Situation spielt den Indern in die Karten“, sagt Dirk Dohse, Leiter des Forschungszentrums Innovation und Internationaler Wettbewerb am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW), im Gespräch mit dem ­ARTE ­Magazin. Deutschland und die Europäische Union wollten sich aus der Abhängigkeit von China befreien, und die USA seien „in jüngster Zeit ein problematischer Partner“. Alles andere als Zufall also, dass die frisch gekürte EU-Kommission schon bald nach Arbeitsbeginn in Brüssel direkt Neu-Delhi ansteuerte. Reisegrund: ein Freihandelsabkommen mit Indien. „Das größte dieser Art auf der Welt“, wie Kommissionspräsidentin ­Ursula von der ­Leyen betonte. Bisherige Anläufe waren gescheitert, nun soll noch in diesem Jahr ein Abschluss erfolgen.

Premier Modi schüttelte zuletzt viele Hände, nicht nur die der Europäer. Als einer der ersten Regierungschefs traf er im Weißen Haus den neuen, alten US-Präsidenten ­Donald Trump, mit dem ihm seit dessen erster Amtszeit eine Art Männerfreundschaft verbindet. Und im vergangenen Jahr reichten Modi und Chinas Staatschef Xi ­Jinping einander die Hände – ein vielbeachteter Neustart, nachdem zwischen beiden Ländern infolge blutiger Grenzstreitigkeiten jahrelang offiziell diplomatische Eiszeit geherrscht hatte. Wichtigster Handelspartner ist China ohnehin. Das gilt zwar für viele Staaten auf der Welt, für Indien aber ist der mächtige Nachbar mehr: Rivale etwa bei der Rolle als Führungsnation des Globalen Südens. „Da gibt es große Konkurrenz“, sagt Wirtschaftswissenschaftler ­Dohse, der auch einer der Experten in der ARTE-Dokumentation „Indien – Wirtschaftswunder oder Fata Morgana?“ ist. Der Anspruch zeuge indessen vom neuen Selbstbewusstsein Indiens: „Das Land ist sich seiner Stärke und seines großen Potenzials für die Zukunft bewusst.“

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Indien – Wirtschaftswunder oder Fata Morgana?

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