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adikal reduzierte Landschaftsmalereien, die eine wilde, unberührte Natur zeigen, kontrastreiche Druckgrafiken und kantige, fast schon geometrisierte Holzschnitte: Karl Schmidt-Rottluff prägte als Grenzgänger den deutschen Expressionismus wie kaum ein anderer. Was aber angesichts der Wucht seiner Werke überrascht: Der Künstler galt unter seinen Zeitgenossen als stiller und zurückhaltender Mensch. Sabine Maria Schmidt, Kunsthistorikerin und Kuratorin des Karl Schmidt-Rottluff Hauses in Chemnitz, beschreibt ihn als „einen eher introspektiven, sehr konzentrierten, ruhigeren Menschen“. Er sei nicht derjenige gewesen, „der an der See mit den anderen Akte gemalt hat“. Vielmehr habe er wenig gesprochen, aber viel gelesen und aufgenommen, sagt Schmidt im Gespräch mit dem ARTE Magazin. Diese Persönlichkeit spiegelte sich auch in seinem Lebensstil wider. Während die Mitstreiter seiner Künstlergruppe „Brücke“ das Leben in pulsierenden Großstädten regelrecht in sich aufsogen und in ihren Werken verarbeiteten, zog es Schmidt-Rottluff in abgelegene Gegenden. Besonders die Natur und Stille inspirierten ihn. Landschaften, die auf den ersten Blick eher unscheinbar oder langweilig wirken könnten, wurden bei Schmidt-Rottluff zum Ausdruck innerer Empfindungen. „Ihn interessierten besonders unspektakuläre Topografien, um das Empfinden dieser Landschaft mit in das Bild zu bringen“, betont Sabine Maria Schmidt.
Geboren wurde Karl Schmidt-Rottluff als drittes von sechs Kindern im Dezember 1884 in Rottluff, inzwischen ein Stadtteil von Chemnitz. Sein künstlerisches Talent zeigte sich früh: In der Schule nahm er freiwillig am Kunstunterricht des Architekten Friedrich Otto Uhlmann teil, veranstaltete mit seinem eigens gegründeten Schülerklub „Vulkan“ Lesungen, Theaterstücke und Ausstellungen und lernte den Mitschüler Erich Heckel kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Wie Heckel entschied sich auch Schmidt-Rottluff für ein Architekturstudium in Dresden. Gemeinsam mit zwei weiteren Studenten, Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl, gründeten sie 1905 schließlich die Künstlervereinigung „Brücke“, die sich als radikale Bewegung gegen die erstarrte akademische Kunsttradition verstand. Während sich die etablierte Kunst dieser Zeit vor allem auf Historienmalerei und naturalistische Darstellungen fokussierte, forderte die „Brücke“ ihre Generation dazu auf, „unmittelbar und unverfälscht“ zu malen, was sie bewegt. Um ihre Ideen zu verbreiten, veranstaltete die Gruppe Ausstellungen und veröffentlichte die sogenannten „Brücke-Mappen“, eine Sammlung von Holzschnitten, Zeichnungen und Druckgrafiken ihrer Mitglieder.
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