Auf die Frage, wie sie die nahezu unerschöpfliche Widerstandskraft aufgebaut hätte, um sich beruflich zu behaupten, fand Christine Lagarde unlängst eine überraschende Antwort: beim Synchronschwimmen. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche berichtete sie von ihrer Zeit im französischen Jugend-Nationalteam vom harten Training, das viel Selbstdisziplin verlangte, und von dem Versuch, Eleganz mühelos aussehen zu lassen. Ebenso ehrgeizig wie den Sport, und in den Augen vieler auch ebenso elegant, trieb Lagarde ihren beruflichen Aufstieg voran. Sie absolvierte mehrere Elitestudiengänge, war Vorsitzende einer großen Anwaltskanzlei und hatte hochrangige Regierungsposten in Frankreich inne. 2007 wurde sie unter Nicolas Sarkozy Wirtschafts- und Finanzministerin, 2011 gelangte sie als erste Frau an die Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF), ihren Landsmann Dominique Strauss-Kahn ersetzend, der unter anderem über einen Prostitutionsskandal gestolpert war. Bereits in dieser Position engagierte sie sich für mehr Gleichberechtigung.
Einen Kurs, den sie nach ihrem Amtsantritt als erste Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) im Jahre 2019 weiter fortsetzte. Eines ihrer zentralen Ziele sei es, so die Französin, das Thema Frauenförderung stärker an der einflussreichen Institution zu verankern. Dem Spiegel sagte sie: „Es liegt mir sehr am Herzen, mehr Frauen in der Finanzwelt zu sehen und ihnen Gehör zu verschaffen.“
Gleichberechtigung: Theorie und Praxis
Eine Vision, die Lagarde fortan, trotz einigem Gegenwind, in der EZB vorantrieb. Und tatsächlich: Unter ihrer Führung gelang es, unter anderem durch feste Quoten und Zielvorgaben, den Frauenanteil in den Führungspositionen der traditionell männerdominierten Notenbank auf immerhin rund 35 Prozent zu erhöhen. 2012 hatte der Anteil noch bei 12 Prozent gelegen, 2019 bei rund 30 Prozent. Ein Ziel des Vorhabens: die EZB zu einem Vorbild für Unternehmen aus der Privatwirtschaft zu machen. „Eine diverse und inklusive Organisation spiegelt die Welt um uns herum“, so Lagarde.
In einer Welt, die aktuell wenig Gründe für Optimismus liefert, klingt das nach einem hoffnungsvollen Projekt. Doch auch in puncto Gleichstellung sind die Aussichten nicht in allen Punkten vielversprechend: So äußern sich Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam oder UN -Women sowie die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung in jüngsten Analysen besorgt über den Aufstieg rechts-extremer und -populistischer Parteien in vielen nationalen Parlamenten. Radikal konservativen oder völkischen Ideologien folgend, könnten diese Parteien Frauenrechte einschränken, indem sie etwa Gesetze gegen Abtreibung einführen oder diese zumindest erschweren – wie in Italien unter Giorgia Meloni bereits geschehen.
Vor diesem Hintergrund ist der trotz allem wachsende Einfluss von Frauen in Europas Politik und Wirtschaft tatsächlich bemerkenswert. Spürbar ist die Entwicklung vor allem bei Spitzenpositionen innerhalb der EU, wie die ARTE-Dokumentation „Europas starke Frauen“ im Dezember zeigt: Mit der maltesischen Politikerin Roberta Metsola hat das Europäische Parlament seit 2022 die mittlerweile dritte Präsidentin seiner Geschichte, mit Ursula von der Leyen steht seit 2019 erstmals seit der Gründung 1958 eine Frau an der Spitze der EU-Kommission. Ähnlich wie bei Christine Lagarde steckt auch der Lebenslauf der promovierten Ärztin voller Superlative: Sie war mehrfach Ministerin, ist siebenfache Mutter und 2023 kürte das US-Wirtschaftsmagazin Forbes von der Leyen zum zweiten Mal in Folge zur mächtigsten Frau der Welt.
Ungeachtet dessen sehen Organisationen wie die AllBright Stiftung, die sich für mehr Frauen und Diversität in Führungspositionen einsetzen, vor allem in der Privatwirtschaft weiter Handlungsbedarf. Das Ergebnis eines 2024 veröffentlichten Berichts der Stiftung: Inzwischen hat zwar jedes fünfte Dax-Unternehmen eine Frau im Vorstand, häufig handelt es sich dabei jedoch um einzelne Frauen in ansonsten vollständig männlich besetzten Teams. Und es zeige sich: Der Fortschritt braucht viel Zeit. In Deutschland würde es selbst im aktuellen Tempo noch etwa 15 Jahre dauern, bis die Hälfte der Vorstände in börsennotierten Unternehmen weiblich ist. Eine ähnlich langsame Entwicklung legt das EU-Parlament mit einem Frauenanteil von aktuell rund 39 Prozent an den Tag.
Frauen wie Lagarde und von der Leyen versuchen das Tempo zu erhöhen – im Kleinen wie im Großen. Bei Wirtschaftsgipfeln, berichtet die Emma, habe Lagarde etwa immer eine Liste mit den Namen kompetenter Frauen dabei, um sie an passender Stelle zu empfehlen. Immer wieder stoßen beide bei ihren Vorhaben jedoch auf Widerstände: So erarbeitete Ursula von der Leyen zu Beginn ihrer ersten Amtszeit ein neues Gleichstellungskonzept für die EU, das unter anderem das Ziel beinhaltet, entscheidungsgebende Gremien möglichst gleichberechtigt durch Frauen und Männer zu besetzen. In der Praxis mangelt es für von der Leyens ambitionierte Pläne jedoch an Unterstützung: Während es der Präsidentin zu Beginn ihrer ersten Amtszeit noch gelang, ihr Team in der EU-Kommission nahezu paritätisch aufzustellen, scheiterte dieses Vorhaben 2024 daran, dass die meisten der 27 EU-Mitgliedsstaaten nicht mitzogen. Sie schlugen hauptsächlich Männer vor.
Wir müssen dafür sorgen, dass auch andere Frauen nach uns kommen
Teamwork statt Alleingänge
Team- und Kompromissfähigkeit zählen für -Christine -Lagarde zu den positiven Eigenschaften, die einen weiblichen Führungsstil auszeichnen. Dies machte sie 2022 bei einer Veranstaltung des Manager Magazins in einer Rede zu Führung in Krisenzeiten klar und zeigte so ihre Haltung zu der beliebten Frage „Führen Frauen anders?“, die neben viel Zuspruch auch auf Widerspruch stößt. Politikerinnen wie die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni oder die Französin Marine Le Pen – beide aus dem rechtsextremen Lager – beweisen dagegen, dass auch Frauen in Führungspositionen spaltend und wenig diplomatisch agieren können – und zudem nicht zwingend Vorkämpferinnen für Frauenrechte sein müssen.
Wissenschaftlerinnen wie etwa Doris Mathilde Lucke, Professorin für Soziologie an der Universität Bonn, führen daher geschlechtertypisches Verhalten eher selten als Argument für mehr Frauen in Führung heran. Im Gespräch mit der Zeitung Der Standard erklärt Lucke stattdessen: Soll sich bei dem Thema Gleichstellung langfristig etwas tun, genüge es nicht, wenn einfach nur mehr Frauen in Führungspositionen kämen: „Ziehen sie nur das Bestmögliche für sich persönlich aus den vorhandenen Strukturen heraus, wird sich nie etwas ändern“, sagt die Professorin. Es seien nicht die Einzelnen, sondern die zähen männerdominierten Strukturen und eine veraltete politische Kultur, die sich verändern müssten, damit Führung mehr und mehr zu einem Teamsport wird. Mit einem vielfältigen, aber gut aufeinander eingestimmten Kader – so wie beim Synchronschwimmen.
Eine Frauenquote ist das Minimum. Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei